Karakorum (mongolisch ᠬᠠᠷᠠᠬᠣᠷᠣᠮ (Qara Qorum) bzw. Хархорин (Kharkhorin)), für „schwarze Berge“, „schwarzer Fels“, „schwarzes Geröll“, ist eine Ruinenstätte am Fuß des Changai-Gebirges in der Mongolei. Sie war zwischen 1235 und 1260 Hauptstadt des Mongolischen Reiches.

Gründung

Eine Inschrift aus dem Jahr 1346 schreibt die Gründung der Stadt Dschingis Khan zu und datiert sie auf das Jahr 1220.[1] Diese Angabe ist umstritten, weil Dschingis Khan 1220 nicht in der Mongolei weilte, sondern sich auf einem Feldzug gegen den Choresm-Schah Muhammad II. in Choresmien befand.[2] Dennoch ist es möglich, dass Dschingis Khan befahl, das Hauptlager mit seinem Haushalt und seinen Frauen hier zu errichten.[3] Der Orchon war und ist eine Lebensader der ganzen Region, und an seinem Ufer lagen schon vor Dschingis Khan die Zentren großer Steppenreiche. Die Bedeutung der Region zwischen den Flüssen Orchon und Tuul für die alten Nomadenreiche wird besonders in den Inschriften-Stelen der Kök-Türkischen Herrscher deutlich, die dieses Land als Ötükän bezeichnen. So heißt es auf der Stele des Tonjukuk (errichtet ca. 720):

„Ich war es, Bilgä Tonjukuk, der den türkischen Kaġan und das türkische Volk in das Land des Ötükän geführt hat. Als sie die Nachricht hörten, daß sich die Türken im Land des Ötükän niedergelassen hatten, kamen alle Völker, die im Süden, im Westen, im Norden und im Osten lebten.“[4]

Durch die Wahl des Ortes für eine Residenz gerade an dieser Stelle stellten sich die Herrscher des aufstrebenden Mongolenreiches bewusst in die Tradition der großen Nomadenreiche der Xiongnu, Kök-Türken und Uiguren, die zuvor ihre Zentren in dieser Region hatten.[5]

Aufstieg

Erst unter Ögedei Khan, dem Sohn und Nachfolger Dschingis Khans, entwickelte sich Karakorum zur ersten Hauptstadt des Mongolenreiches. Von ihm wurde die bedeutende Residenz zu einer richtigen Stadt ausgebaut und ab 1235 zusätzlich mit einer Befestigungsanlage versehen. Dieser nachfolgende Khan wandelte dann die mongolische Raubnation unter anderem auch durch die Einführung von Staatskanzleien und den Bau eines Khanpalastes in dieser Stadt (1236 bis 1256) zu einem dauerhaft organisierten Staatswesen. Für die Mongolen ist Karakorum noch heute die Keimzelle und Geburtsstätte ihres Nationalstaates.

Außerdem wurde die Stadt auch ein religiöses Zentrum und der Ort des Staatskultes. Nachdem unter Kublai Khan der Buddhismus zur Staatsreligion erklärt worden war, hatten die Mongolen alles, was für die Stabilität eines großen Reiches in der Regel unbedingt erforderlich ist: Eine Hauptstadt, eine verbindende Schrift und eine Hochreligion.

Zur Ausübung der den Nomaden bisher unbekannten Tätigkeiten holten sich die Großkhane fremde Handwerker und Künstler in ihr Land, vor allem aber hierher in diese neue Hauptstadt. Die Mongolen eigneten sich die Kenntnisse der Fremden nicht an, sondern sie ließen sie für sich arbeiten. Die fremden Handwerker und Künstler kamen teils freiwillig zu ihnen, teilweise wurden sie jedoch auch hierher verschleppt. Genau so geschah es auch mit dem Pariser Goldschmied Guillaume Boucher, der 1241 in der Schlacht bei Muhi in Ungarn in Gefangenschaft geriet und von den Mongolen nach Karakorum gebracht wurde. Dort durfte er zwar die Stadt nicht mehr verlassen, aber er lebte in guten Lebensverhältnissen, neu verheiratet und mit eigenem Haus. Vom Khan bekam er den Auftrag, für seinen Palast einen auch später von Wilhelm von Rubruk als großes Kunstwerk ausführlich beschriebenen Silberbrunnen zu bauen, aus dessen vier großen Silberarmen zu bestimmten Anlässen jeweils Honigmet, vergorene Stutenmilch (Airag), Reisbier und Wein sprudelten.

Blüte

In Karakorum zeigten auch die Dschingis Khan nachfolgenden, grausam kriegerischen und tyrannischen Khane ihr zweites, völlig andersartiges Gesicht. Durch ihre tolerante Haltung allem Neuen und Unbekanntem gegenüber wurde ihre Hauptstadt im 13. Jahrhundert nicht nur die Schaltzentrale der Reichsverwaltung und ein Zentrum des Handels und Kunsthandwerks, sondern auch zu einem Schmelztiegel unterschiedlicher Religionen, Kulturen und Völker.

Das berichtet auch der flämische Franziskaner Wilhelm von Rubruk, der 1253 im Auftrag Papst Innozenz’ IV. und König Ludwigs IX. nach Karakorum gereist war und dort im April 1254 ankam: „Es gibt da zwei Stadtviertel, das der Sarazenen, wo der Wochenmarkt stattfindet. Das andere ist das Stadtviertel der Nordchinesen, die durch die Bank Handwerker sind. Ferner sind da zwölf Götzentempel und zwei Moscheen, sowie am äußersten Ende der Stadt eine nestorianisch-christliche Kirche.“

Nach weiteren Aussagen dieses Besuchers stellten die Bevölkerungsgruppe der Muslime in erster Linie die Händler und die der Chinesen die Handwerker. Außerdem lebten diese Bevölkerungsgruppen in getrennten Bezirken. Als prächtigstes Gebäude galt jedoch der große Palast des Khans, in dem sich der schon oben erwähnte von dem gefangenen Goldschmied Guillaume Boucher für den Khan geschaffene Silberbrunnen befand.

Für die Versorgung der Einwohner von Karakorum wurde außerhalb der Stadt eine intensive Landwirtschaft betrieben. Ein von Chinesen angelegtes umfangreiches Bewässerungssystem machte die Steppe dafür urbar. Über weitverzweigte Handelswege, insbesondere die Seidenstraße, wurden diejenigen Güter herangeschafft, mit denen die Bevölkerung sich nicht selbst versorgen konnte. So entwickelte sich Karakorum auch zu einer mächtigen Handelsmetropole, wie auch durch archäologische Funde bewiesen ist.

Niedergang

Den Status als Hauptstadt des Mongolenreiches verlor sie unter Kublai Khan, der Peking als Hauptstadt wählte. Als die Chinesen 1368 die mongolische Yuan-Dynastie stürzten, flohen die Mongolen zurück in die nördliche Steppe und machten Karakorum wieder zu ihrer Hauptstadt. Für sie bestand dort die Yuan-Dynastie fort und sie nannten das ihnen nach der Vertreibung aus Peking und China verbleibende Territorium das „Nördliche Yuan“. Doch die wiedererstarkten Chinesen setzten in den darauf folgenden Jahren ihre Angriffe unvermindert fort und 1388 gelang es ihnen schließlich, auch Karakorum vollständig zu zerstören. Dennoch behielt die Stadt ihre Bedeutung als nationales Symbol. Im Jahr 1415 beschloss eine mongolische Reichsversammlung den Wiederaufbau. Die Stadt verfiel endgültig im späten 16. Jahrhundert und wurde zum Steinbruch für das 1586 errichtete buddhistische Kloster Erdene Dsuu, welches nachweislich zum Teil aus den Steinen der alten Hauptstadt aufgebaut wurde.

Francis Woodman Cleaves: The Sino-Mongolian Inscription of 1346. In: Harvard Journal of Asiatic Studies. Band 15, 1952, S. 29, 79. Hans-Rainer Kämpfe: Činggis Khan. In: Michael Weiers (Hrsg.): Die Mongolen. Beiträge zu ihrer Geschichte und Kultur. S. 188–190. Klaus Sagaster: Die Mongolische Hauptstadt Karakorum. In: Beiträge zur Allgemeinen und Vergleichenden Archäologie. Band 19, 1999, S. 117. Wolfgang Ekkehard Scharlipp: Die frühen Türken in Zentralasien. Eine Einführung in ihre Geschichte und Kultur. Darmstadt 1992, S. 35. Hans-Georg Hüttel: Die Stadt als Herrschaftssymbol: Beispiel Karakorum. In: Status und Symbol (= Neuerwerbungen der Ostasienabteilung. Band 46). Berlin 2016, S. 71–75.
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